(Groß-)Familienmanagement ohne familiären back up -  oder : Wir sind eine Insel

 

In einem Afrikanischen Sprichwort heißt es: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“.

In unseren Breitengraden können die Wenigsten von uns auf die Unterstützung eines ganzen Dorfes zurückgreifen, doch immerhin gibt es in vielen Familien engagierte Großeltern, Tanten oder Onkel , die den gestressten Eltern gern helfend unter die Arme greifen.

Es gibt aber auch Mütter und Väter, die gar keinen familiären back up haben, auf deren Schultern allein die ganze Alltagsorganisation lastet, die immer selbst Netz und doppelter Boden sein müssen.

So eine Familie sind wir.

 

Sonntagabend.

Ein langes, verregnetes und grippales Wochenende lag hinter mir. Fünfzig Prozent der Kinder waren krank, ich selbst war stark angeschlagen und sehnte mich seit Stunden nach meinem Bett. Mein Mann lag schlafend neben mir auf der Couch. Nach dem Nachtdienst hatte er sich nach nur drei Stunden Schlaf mit mir zusammen durch den Tag geschleppt. Nun war es endlich stilll geworden im Haus, und während ich am Laptop noch die Termine für die nächsten Tage durchging, kroch die Erschöpfung in jede Faser meines Körpers.

 

Ich dachte darüber nach, dass ich vor einger Zeit vor dem Kindergarten Nicole traf, die Frau meines besten Freundes Tobi. Ich hatte an diesem Tag bereits sechs Kinder durch den Morgen begleitet, hatte dutzende Brote geschmiert, Äpfel geschnitten, Butterbrotdosen befüllt, Kleidungsdiskussionen geführt, Zöpfe geflochten und Windeln frisch gemacht, hatte nun gerade meine beiden Töchter in ihre Gruppen gebracht und schleppte mein jüngstes Söhnchen Peter zurück zum Auto.

Wir kamen ins Gespräch, und ich erkundigte mich interessiert, wo denn ihre damals zweijährige Tochter sei, während Nicole die zwei älteren Söhne zum Kindergarten brachte. Nicole sah mich daraufhin völlig entgeistert an und sagte:“ Auf die Kleine passt natürlich meine Mutter auf! Ich kann ja schlecht morgens mit drei Kindern zum Kindergarten fahren!“

Offensichtlich fiel ihr gar nicht auf, dass auf meinem Arm das Peterchen fröhlich an einem Keks nagte (und den Keksbrei hingebungsvoll auf meiner Jacke verschmierte), während ich mir die wirren Haare aus der schweißnassen Stirn wischte. Denn genau das hatte ich gerade getan, das scheinbar Unzumutbare : ich war morgens mit drei Kindern zum Kindergarten gefahren!

 

Auch wenn man es nicht gern zugibt, denn schließlich möchte man ja gönnen können, doch Mütter, die auf keine familiäre Unterstützung zurückgreifen können, kennen das sicher: dieses Gefühl des blanken Neides, wenn bei der Nachbarin mal wieder die Großmutter einzieht, weil der Mann auf Dienstreise ist oder Freunde von ihrem tollen Paarwochenende berichten, während die Kinder bei den Großeltern übernachtet haben...

 

Doch nicht nur Neid, sondern auch eine gewisse Sehnsucht empfinde ich, wenn ich auf Ausflügen glückliche Omas und Opas mit ihren Enkeln herumtollen sehe, oder begeisterte Großeltern, die auf der Weihnachtsfeier im Kindergarten ihren krippenspielenden Enkeln applaudieren. Bei uns gibt es sowas nicht.

 

Wir sind eine Insel.

 

Dabei ist es nicht so, als gäbe es keine Großeltern. Doch diese sind viel zu sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftig und haben wenig Interesse daran, sich tatsächlich um ihre Enkel zu kümmern. Geschwister und Freunde sind alle viel zu busy und über Monate hinweg verplant, als dass wir dort auf Unterstützung hoffen könnten.

 

Mir hat es sehr geholfen, irgendwann die Situation anzunehmen, wie sie ist. Ich merkte, dass es mir wesentlich besser damit geht, wenn ich nicht immer vergleiche, nicht immer schaue, was die anderen alles an Unterstützung erfahren, und ich mich nicht mehr fühlte wie die Pechmarie, die immer leer ausgeht.

Am mangelnden Interesse des familiären Umfeldes kann ich nichts ändern, meine Sichtweise und meine Art, damit umzugehen ist allerdings eine Schraube, an der ich drehen kann .

Ich fing an, auf das zu schauen , worauf ich zurückgreifen kann:

die Kraft und die Gabe, vieles allein zu managen, aber auch die Weisheit, mir Hilfe zu organisieren, wenn es nötig ist.

 

Damit die Akkus nicht irgendwann völlig leer sind, muss ich allerdings darauf achten, dass ich mich nicht ständig aufreibe, mich nicht immer nur ganz hinten anstelle, sondern auch meine eigenen Bedürfnisse wahr- und ernstnehme.

Um mich also nicht ganz im (Groß-) Familienmanagement zu verlieren, schaffe ich mir Oasen und Auszeiten, um zur Ruhe zu kommen.

 

Als Inselfamilien-Mutter ist so eine Auszeit natürlich nicht leicht zu kriegen. Zumindest erstmal nicht die ganz Große oder die ganz Regelmäßige. Auch ich habe da klein angefangen: wenn die Großkinder in Kindergarten und Schule waren und unser Jüngster schlief, dann habe ich alles fallen gelassen und mich nur auf das konzentriert, was mir gerade gut tat. Keinesfalls habe ich dann schnell die Wäsche gefaltet oder die Spülmaschine eingeräumt. Ich habe mich auf die Couch gelegt und ein Buch gelesen, ich habe im Internet gesurft oder einfach ferngesehen.

 

Hier ist wieder eine große Portion Abstand vom Perfektionismus nötig, um im Haushalt öfters fünfe gerade sein zu lassen und nicht immer einem porentief reinen Haus mit blitzeblanken Fenstern und sorgfältig aufgeräumten Zimmern nachzuhecheln.

Anfangs habe ich mich selbst noch stark unter Druck gesetzt und hatte  immer das Gefühl, sofort hinter den Kindern herräumen und spätestens abends alles wieder in einen perfekt aufgeräumten Zustand bringen zu müssen. Bis ich (hochschwanger mit dem dritten Kind und nebenher ein unter ein jähriges Baby und einen Dreijährigen versorgend) einfach keine Lust mehr dazu hatte. Ich wollte enstpannt mit den Kindenr spielen können, ohne immer mit den Gedanken bei der nächsten Hausarbeit zu sein, ich wollte abends meine geringe Restkraft dafür verwenden, die Kinder liebevoll ins Bett zu begleiten, anstatt das letzte bisschen Energie in das Aufräumen der Kinderzimmer zu stecken.

Schließlich hing ich ein Gedicht in unseren Eingangsbereich, das sehr schön an das Setzen der richtigen Prioritäten erinnert:

 

Freund, wenn Du dieses Haus betrittst,
vieles nicht ganz sauber blitzt.
Du merkst, dass es hier Kinder gibt,
die man mehr als das Putzen liebt.
Da gibt es Spuren an den Wänden,
kreiert von flinken kleinen Händen.
Wir machen das mal später weg,
jetzt spielen wir zuerst Versteck.
Spielzeug liegt an jedem Ort,
doch eines Tages ist es fort.
Die Kinder sind uns nur kurz geliehen,
bis sie erwachsen von uns ziehen.
Dann wird auch alles aufgeräumt,
dann läuft der Haushalt wie erträumt.
Jetzt freu'n wir uns an unseren Gören
und lassen uns dabei nicht stören.

                                                                                                                                         (Verfasser unbekannt)

 

 

 

Die Kunst ist es, sich zunächst, bevor man sich an die ganz großen Auszeit-Träume heranwagt, viele kleine Oasen im Alltag zu schaffen, die dabei helfen, kurzfristig wieder etwas Energie aufzutanken.

 

Heute Abend, wenn mein Mann zum Nachtdienst geht, und die Kinder alle friedlich schlummern (oder noch heimlich an der PS4 spielen) , werde ich die Matchbox-Autos und Barbie-Pferde zur Seite schieben, mir meinen MP3- Player schnappen, die Kopfhörer aufsetzen, meine Lieblingsmusik ganz laut aufdrehen und durchs Wohnzimmer tanzen. Ganz allein. Nur für mich. So einfach kann Freiheit sein :) !

 

 

 

 

 

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Kommentare: 27
  • #1

    Astrid (Montag, 18 April 2016 06:15)

    Liebe Gesine,
    Du sprichst mir aus der Seele, auch wenn wir nur zwei Kinder haben. Diese Kunst, in der kostbaren kinderfreien Zeit allen Perfektionismus fallen zu lassen, ist etwas so wichtiges. Unser Haushalt ist immer noch nicht perfekt und aufgeräumt, die Kinder sind schon 16 und 14, aber meine Restkraft ist zu wertvoll, um diesem Ideal hinterher zu laufen. Daher gefällt mir das Gedicht besonders gut.. Vielleicht wird sogar selbst dann nicht wieder aufgeräumt, wenn die Kinder aus dem Haus sind, wer weiß?
    Dein Schreibstil gefällt mir sehr gut, ich freue mich schon auf den nächsten Artikel, den Du mit Deiner Restkraft schreiben wirst.
    Liebe Grüße
    Astrid

  • #2

    Yvonne (Montag, 18 April 2016 14:36)

    ... obwohl ich nur eins habe, war ich auch oft neidisch, um den familiären Background, den andere Mütter genießen. In der Zeit mit Bandscheibenvorfall und anderen "Wehwehchen", hätte das helfen können. Als ich es aber akzeptiert habe, dass meine Eltern noch voll berufstätig sind, und ich es alleine "gerockt" habe, konnte ich mich auch freuen, wenn dann doch mal Hilfe da war (auch wenn sie nicht zur vereinbarten Zeit kam). Das ist wahrscheinlich ein Prozess, den jede Mutter durchmachen muss – ob eins oder zehn Kinder ;-)

    Ich finde es toll wie Du schreibst und bn sehr gespannt auf die nächsten Berichte und Erfahrungen!

  • #3

    Dani (Montag, 25 April 2016 10:50)

    Hallo,

    wir haben vier Kinder zwischen 3 und 13 Jahren, mein Mann ist selbständig und dadurch von Montag bis Samstag von früh bis abends außer Haus und ich bin eigentlich mit allem, was die Kinder, den Haushalt, Arzttermine mit den Kindern, schulische Angelegenheiten, Elternversammlungen in Schule und Kita usw. anbetrifft, allein. Hilfe und Unterstützung durch Verwandte haben wir noch nie gehabt, weder bei zwei noch bei nun vier Kindern. Ich gehe auch noch Teilzeit arbeiten und kümmere mich um die Büroarbeiten in der Firma meines Mannes.
    Ich liebe unsere Familie, alle Kinder waren Wunschkinder - trotzdem ist es manchmal nicht leicht. In vielem, was du schreibst, erkenne ich mich bzw. uns wieder.
    Der Spruch, den du oben erwähnst, hängt seit der Geburt des Jüngsten bei uns im Flur, umrahmt von vier Bildern unserer Kinder.
    Ich werde sicherlich gern öfter hier mitlesen - alles Gute für dich und deine Familie.

  • #4

    Kristina (Mittwoch, 08 Juni 2016 09:13)

    Hallo,
    Wir haben zwar nur zwei Kinder, aber mein Ehemann hat zehn Geschwister, daher kennen wir Großfamilie gut.
    Diesen Artikel habe ich von dir zuerst gelesen, deswegen schreibe ich hier in die Kommentare:
    dein Erzählstil gefällt mir sehr gut!
    Selbst in Kleinfamilien, da bin ich überzeugt, kann das Leben so verlaufen, wie du hier beschreibst, vor allem, wenn familiäre Unterstützung fehlt.
    Diese Woche lerne ich beispielsweise mit meiner Großen Asien - von vorne bis hinten. Gestern haben wir uns noch schwer getan,wieder zusammen zu lernen, man muss sich wieder aneinander gewöhnen, aber nach den ersten fünf Minuten Unmut hat es funktioniert, und mich motiviert meine Tochter, mit was für eine Beharrlichkeit sie sich neue Felder erschließt. Ich bin froh, meine 16-jährige noch motivieren zu dürfen und es geht besser für sie, wenn sie sieht: Mama hat noch Interesse an mich. Dazu muss ich sagen, dass das zwei autonome Kinder sind , wobei die Erstgeborene sich eher helfen lässt.

    Wir sehen uns auch als Inselfamilie.
    Eine schöne Zeit!

  • #5

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