„Habt ihr keine anderen Hobbys?“ - oder: der Mut zum Anderssein

 

Eine Großfamilie zu haben ist im Grunde wie ein besonders ungewöhnliches, exklusives Auto zu fahren: es zieht immer und überall Aufmerksamkeit auf sich.

 

 Seit wir mehr Kinder haben als die durchschnittliche deutsche Kleinfamilie, interessieren sich die Leute für uns. Egal, wo wir mit der gesamten Kinderschar auftauchen, es wird hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand getuschelt und ungläubig durchgezählt . Ich liebe es, mit der ganzen Familie ins Restaurant zu gehen, denn es bietet tasächlich ein beeindruckendes Bild: diese vielen Kinder, die in freudiger Erwartung auf ein leckeres Essen um einen Tisch herumsitzen, der für gewöhnlich nur für größere Gruppen reserviert wird.

 

 

Seit wir viele sind, werde ich auch immer wieder von wildfremden Menschen angesprochen. Oft sind es sehr erfreuliche Begegnungen mit Leuten, die spontan ihren Respekt und ihre Bewunderung für diese große Familie kundtun möchten.

 

Es gibt jedoch auch sehr kuriose Vorfälle: so wurde ich schon von Menschen, deren Namen ich noch nicht mal kannte, nach unserer Verhütungskompetenz gefragt.

 

Auf der Suche nach einem neuen Meerschweinchen besuchte ich vor kurzem eine Familie, die eines abzugeben hatte.Während ich versuchte, erste zarte Bande mit dem Tierchen zu knüpfen, kam ich mit dem Ehepaar ins Gespräch. Sie selbst hatten einen Sohn ( der nun leider das Interesse an dem Schweinchen verloren hatte) , und ich erzählte von meiner Kinderschar. Dies verleitete den Mann dazu, abfällig zu schnauben: „ Sechs Kinder? Habt ihr keine anderen Hobbys?“. Ich war so perplex, dass mir spontan keine schlagfertige Antwort einfiel. Ich kannte den Mann erst seit wenigen Minuten und empfand diese Bemerkung als unglaublich grenzüberschreitend.

Manchmal äußern besorgte Mitmenschen auch Sprüche wie diese: „ jetzt ist aber Schluß, oder?“- „wieso noch ein fünftes Kind, das vierte war doch nun endlich das ersehnte Mädchen?“ - „wißt ihr nicht, wie man verhütet?“ - „du brauchst wohl immer ein Baby zum Kuscheln ?!"

 

Als Vielfach-Mama sehe ich mich sehr oft mit Vorurteilen und Schubladendenken konfrontiert. So hat es beispielsweise nach unserem Umzug einige Zeit gedauert, bis wir die Erzieher/innen der neuen Kita davon überzeugen konnten, dass wir engagierte, interessierte und freundlich zugewandte Eltern sind, die nicht nur ein Kind nach dem anderen bekamen, um vom Kindergeld das Haus zu finanzieren,  oder ich nicht wieder arbeiten gehen wollte.

 

Ich merke, dass ich in Gesprächen oft unauffällig mit einfließen lasse, dass wir weder bildungsfern noch einkommensschwach sind, um überhaupt ernstgenommen zu werden. Gern erwähne ich beiläufig, dass ich ein katholisches Mädchengymnasium besuchte, nachdem ich nach der Anzahl meiner Kinder gefragt wurde. Es ist erstaunlich, wie sehr diese Information den Fortgang des Gesprächs beeinflusst. Ich habe stets das Gefühl, ich müsse erstmal unter Beweis stellen, dass ich als Sechsfach-Mama überhaupt die Grundrechenarten beherrsche und über rudimentäre Kenntnisse der deutschen Sprache verfüge.

 

Ich glaube, ähnlich geht es Tätowierten.

 

 

 

Es gibt aber auch die ehrlich Interessierten, die sich ebenfalls dieses Familienmodell wünschen, aber (noch )zu viele Bedenken und Zweifel  haben, um  „ja“ zu einem weiteren Kind zu sagen. Ich finde es immer besonders schön, hier Mut machen zu können, denn: den ultimativ richtigen Zeitpunkt für ein (weiteres) Kind gibt es sowieso nicht.

 

Für das letzte Quäntchen zum entscheidenen Schritt braucht es einfach Mut und das Vertrauen darauf, dass alles gut werden wird!

 

Auch wir haben nicht von Anfang an gleich sechs Kinder geplant, sondern der Wunsch nach einem Weiteren kam von Kind zu Kind. Für mich hat es sich bewährt, auf mein Herz zu hören und auf das Gefühl, dass noch einer fehlt.

 

Ich spürte jedes Mal, dass noch genug Kraft, Nervenstärke und Liebe da ist, um ein weiteres Kind liebevoll ins Leben begleiten zu können, denn ich liebe unsere Familienform, die so viel Trubel und Lebendigkeit in mein Leben bringt.

 

 

 

Neulich unterhielten sich unsere Teenager über ihre Frisuren. Der Zwölfjährige fragte den Vierzehnjährigen : „ Wieso läufst Du eigentlich mit diesen langen Haaren rum ?“ Der Vierzehnjährige grinste souverän und antwortete: „weil ich 's kann!“

 

Das nächste Mal, wenn mich jemand fragt, ob ich denn keine anderen Hobbys hätte, werde ich lässig die Ponylocke aus der Stirn wischen, milde lächeln und antworten: „Warum ich sechs Kinder habe? Weil ich's kann !“ ;)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kommentare: 7
  • #1

    papajo (Sonntag, 24 April 2016 13:29)

    jahh :-)

  • #2

    Mirjam Samira (Sonntag, 24 April 2016 14:28)

    Schöner Artikel und tolles Thema!!! Ja, die Deutschen sind da wirklich komisch in der Hinsicht. Gibt aber viele viele andere Länder die familienfreundlicher sind, wo es als Bereicherung angesehen wird so viele Kinder zu haben. Es ist hier halt eher die Seltenheit, so viele Wunschkinder zu haben. Tja, man muss wohl erst mit den Leuten warm werden oder sie einfach ignorieren und einfach sein Ding machen und die eigene positive Kraft ausstrahlen! Alles Liebe!

  • #3

    Ella (Sonntag, 24 April 2016 15:08)

    Ich finde Großfamilien wunderbar, bin selbst in einer groß geworden und wollte selbst eine haben. Leider scheitert es bei uns schon am ersten Kind und das macht mich natürlich sehr traurig. Da stößt mir der Spruch "Weil ichs kann" natürlich sauer auf. Aber als Reaktion auf dumme Kommentare von Fremden find ich es natürlich nicht schlecht.

  • #4

    sandra (Sonntag, 24 April 2016 18:26)

    Ich finde es genial und glaube mir, eine alleinerziehende Mutter mit 2 Kids,2 Pferden, Hund, Katzen, spirituell und noch Indigo ist genauso ein weiteres Weltwunder. Ich finde es cool und freue mich mehr von euch zu hören...

  • #5

    Katharina (Montag, 25 April 2016 16:10)

    Hallo, sehr schöner Artikel. Ich bin selber Mama von 6 Kindern, der Kleinste ist der erste Junge nach 5 Mädchen. Da höre ich jetzt auch vermehrt Sprüche wie: "Jetzt habt ihr ja endlich euren Jungen, dann seid ihr doch jetzt fertig, oder?" In den meisten Punkten machen wir ähnliche Erfahrung wie ihr, die Leute gucken, aber die meisten reagieren doch irgendwie positiv. Den meisten Spaß habe ich, wenn mein Mann und ich uns im Supermarkt aufteilen und ich dann nur mit zwei Kindern unterwegs bin, z. B. mit der Ältesten (8) und dem Baby. Dann sagen die Leute oft zu unserer Großen: "Na, hast Du jetzt ein Brüderchen oder ein Schwesterchen bekommen?" Wenn sie dann ganz selbstverständlich antwortet: "Naja, diesmal ist es ein Brüderchen, meine 4 Schwestern sind bei Papa.", klappt bei vielen die Kinnlade runter - zu lustig. Viel Kraft und Freude weiterhin!

  • #6

    Mirjam (Montag, 25 April 2016 19:37)

    Ach ja, da kann man so seine Geschichten erzählen was? Als wir mit unseren 6 unterwegs waren und ich mit den 2 Kleinsten gerade allein war, hieß es, och sind die niedlich, dann gesellten sich nach und nach die anderen auch dazu und plötzlich war niemand mehr niedlich... Manchmal haben sich die Kinder den Spaß gemacht, immer PLING, PLING, PLING zu machen, wenn dieser zählende Blick sich in die Gesichter schlich oder sie haben laut mitgezählt oder falsch gerufen..., inzwischen sind wir zu 12-t und haben Routine, das Kommentar-Kontingent kennen wir wohl rauf und runter aber im Moment ist der absolute Renner: Alles eigene und von einer Mutter???? Aber jetzt ist Schluss?!"
    Schön auf diese Weise noch andere große Familien kennen zu lernen, ich fühle mich unter solch verrückten Menschen so wohl ;-) !

  • #7

    Melly (Montag, 09 Mai 2016 09:05)

    Ich hab mal geantwotet ! Ich kann biologisch seit 25 jahren kinder bekommen und hab "nur" .
    Was meinst wie blöd die geschaut hat