Einer für alle - alle für einen oder : wenn Geschwister zusammenhalten

Der Zusammenhalt unter Geschwistern gilt als legendär.

Oft wird als Grund für die Planung eines Geschwisterchens angegeben, man wünsche sich einen Spielkammeraden und Vertrauten für das erstgeborene Kind. Brüder und Schwestern, die zusammenhalten wie Pech und Schwefel, die gemeinsam Unsinn aushecken, die untereinander soziale Kompetenz entwickeln und lernen, dass man manchmal auch teilen muss: so oder so ähnlich soll es aussehen, das Leben im Geschwisterrudel.

 

Ich selbst bin als die Mittlere von drei Geschwistern aufgewachsen. Die Beziehung zu meiner drei Jahre älteren Schwester Anne war sehr eng, wir standen uns unglaublich nah. Es gab kein Geheimnis, das wir nicht miteinander geteilt hätten. Wir verstanden uns blind und entwickelten sehr viele „Insider-Witze“, von denen ich heute noch gern meinen Kindern erzähle (z.B. fanden wir es ganz schrecklich, wenn man abends beim Zubettgehen vergisst, sich die Socken auszuziehen. Wenn man dann nämlich nachts aufwacht, hat man unter der Bettdecke ganz furchtbar heiße Füße, die wir dann scherzhaft  „Kochbohnen“ nannten). Auch mein kleiner Bruder war für mich oft ein gern gesehener Spielpartner, und heute als Erwachsener ist er  immer noch ein wichtiger Teil meines Lebens.

 

Vor dem Hintergrund dieser persönlichen Erfahrungen war ich doch einigermaßen irritiert, dass meine eigenen Kinder offensichtlich nicht gewillt waren, untereinander eine eingeschworene Gemeinschaft zu bilden. Die drei großen Jungs sind charakterlich grundverschieden und von so unterschiedlichem Temperament, dass sich im Alltag nur wenige Gemeinsamkeiten finden lassen.

Schon als die Drei noch ganz klein waren, wurde mir sehr bald klar, dass wir einen recht hohen Schwierigkeitslevel erwischt hatten: eine ungerade, gleichgeschlechtliche Geschwisterfolge in sehr geringem Altersabstand. Und dann auch noch Jungs! Sehr früh zeichnete sich ab, dass es viel Konkurrenz und Rivalität geben würde.  

Aller Bemühungen meinerseits zum Trotz, die Geschwisterbeziehung positiv zu beeinflussen, stehen sich die Großen bis heute nicht besonders nah.

 

Vor einiger Zeit hat der Vierzehnjährige von der Realschule aufs Gymnasium gewechselt. Dieses war und ist ein Herzensprojekt von ihm: er tut wirklich alles dafür, um sich in der neuen Klasse als guter Schüler zu positionieren. Der Zwölfjährige besucht weiterhin die Realschule, und der Wechsel seines Bruders hat für viel Missstimmung zwischen den beiden gesorgt.

 

Gestern Morgen brachen die Jungs, aufgrund eines schwer auffindbaren Turnbeutels, in Eile und etwas verspätet zur Bushaltestelle auf. Der Zwölfjährige war an einer akuten Ohrenentzündung erkrankt und blieb daheim. Keine zehn Minuten später klingelte es hektisch an der Tür: der Vierzehnjährige hatte seine Busfahrkarte in einer anderen Hose vergessen, die bereits Richtung Waschmaschine unterwegs war. Er war in heller Panik, da klar wurde, dass er seinen Bus nun verpasst hatte. Mit dem nächsten würde er unwiederbringlich zu spät zum Unterricht kommen.

Es brach mir das Herz, ihn so verzweifelt zu sehen, doch stand ich selbst noch im Schlafanzug da. Das Peterchen schlief noch friedlich und auch die zwei Mädels hatten weder gefrühstückt, noch waren sie umgezogen. In zwanzig Minuten würde die Erstklässlerin gestiefelt und gespornt und mit ordentlich gekämmten Haaren den Schulweg antreten müssen, und die Fahrt zum Gymnasium dauert hin und zurück bei guten Verkehrsbedingungen eine halbe Stunde. So blieb mir nichts anderes, als mit einer hilflosen Geste zu sagen:“ Es tut mir so leid, aber  ich kann dich nicht fahren.“

Der Zwölfjährige, der die ganze Szene bis dato unbeteiligt verfolgt hatte, sprang seinem Bruder plötzlich zur Seite und sagte:“ Mama, du kannst ihn ruhig fahren. Das ist ja voll doof, wenn er jetzt zu spät kommt. ICH mache das hier!“

 

 Und so kam es, dass der Vierzehnjährige an diesem Morgen seinen Titel „vorbildlicher Schüler des Jahres“ nicht durch Zuspätkommen gefährden musste, während sein zwölfjähriger Bruder zu Hause seine kleinen Geschwister mit Frühstück versorgte, darauf achtete, dass die Schwester sich die Haare kämmte, ihre warme Jacke anzog und rechtzeitig das Haus Richtung Schule verließ. So ist das eben unter Geschwistern: wenn es wirklich darauf ankommt,  dann sind sie füreinander da!

 

Meine Schwester Anne starb mit 42 Jahren.

 

Als ich gestern Abend Mathilda schmunzelnd darauf hinwies, dass sie vor dem Zubettgehen besser die Socken ausziehen sollte, da grinste sie und sagte : „Stimmt, sonst bekomme ich ja Kochfüße!“

Und ich weiß: könnte ich Anne davon erzählen, sie hätte gelacht ;).