Der Tag, an dem ich meinen Hund auf dem Spielplatz vergaß

 Es war einer dieser sonnigen Sonntage, von denen man nichts anderes als Gutes erwartet. Ich hatte mir ein paar Kinder und den Hund geschnappt, um einen kleinen Spaziergang zum Nachbarort zu machen, wo Eisdiele und Spielplatz lockten.

 

Im allerschönsten Frühsommerwetter wanderten wir am Rheinufer entlang, die Mädchen pusteten Pusteblumen und warfen dem Hund Stöckchen. Der Vierzehnjährige begleitete mich, obwohl er stark erkältet war und sich schon den ganzen Tag schlapp fühlte. Doch die Aussicht auf ein Spaghetti-Eis war Motivation genug, um seine gemütliche Teenie-Höhle zu verlassen und sich ans Tageslicht zu wagen.

Nachdem wir uns alle mit Eis versorgt hatten, machten wir uns auf den Weg zum nahegelegenen Spielplatz. Ich führte den Hund an ein schattiges Plätzchen, band ihn an einem Baum fest und setzte mich zu meinem Großen auf die Bank. Die Kleinen liefen fröhlich los um zu schaukeln, rutschen und das Klettergerüst zu erklimmen. Ich freute mich, dass sie schon so selbständig sind!

Dem Vierzehnjährigen ging es nicht gut. Er war blass und hustete stark. Plötzlich fiel uns auf, dass seine Arme übersäht waren mit kleinen, stecknadelkopfgroßen roten Pünktchen. Mein geschulter Krankenschwesternblick sagte mir sofort, dass es sich um Petechien handelte: kleine Einblutungen unter der Haut. Besorgt rief ich den kinderärztlichen Notdienst an, schilderte die Symptome und fragte, wie dringlich diese abgeklärt werden sollten. Die Sprechstundenhilfe nahm meine Schilderung sehr ernst und legte uns nahe, möglichst bald mit dem Großen vorstellig zu werden.

 

Alarmiert rief ich meinen Mann an und bat ihn, uns mit dem Auto abzuholen. Ich versuchte, weiterhin Ruhe auszustrahlen, doch innerlich fuhren meine Gedanken Achterbahn. Mögliche, sehr ernste Ursachen für Petechien machten sich in meinem Kopf breit, und ich hatte große Mühe, meine Besorgnis zu verbergen. Schnell rief ich die Kleinen zusammen, die noch gar keine Lust hatten, schon wieder aufzubrechen. Ich schnappte mir das Peterchen, dirigierte die Mädels zum Auto und behielt die ganze Zeit meinen Großen im Blick, der blass und schweigsam neben mir herging.

 

Zu Hause angekommen, machte sich mein Mann mit dem Großen sofort auf den Weg zur Notfallpraxis. Ich blieb daheim und schleuste die Kleinen durchs Abendprogramm. Alle waren sandig und voller Sonnencreme, deshalb war eine ausgiebige Dusche unumgänglich. Ich hatte den Sack voller Flöhe gerade grundgereinigt, verköstigt und schließlich gebettet, als es an der Tür klingelte.

Eine Nachbarin stand dort und erzählte mir, dass sie auf Facebook das Foto eines kleinen schwarzen Hundes gesehen hatte, der gefunden wurde und unserem auffällig ähnlich sähe. Ich winkte ab: „ das kann nicht sein, mein Hund ist hier.“ Ich drehte mich um und hielt wie vom Donner gerührt inne. Der Hund! Ich hatte ihn auf dem Spielplatz unterm Baum vergessen.

 

Ich war tief betroffen und machte mir große Vorwürfe. Glücklicherweise konnte ich schnell Kontakt zu der Tierfreundin herstellen, die den armen Hund freundlicherweise vorübergehend aufgenommen hatte. In Windeseile machte ich mich auf den Weg, um den kleinen Kerl abzuholen. Unterwegs erreichte mich ein Anruf meines Mannes, der mir mitteilte, dass der Große ins Krankenhaus eingewiesen wurde, da böse Verdachtsdiagnosen im Raum standen.

Mir wurde schwindelig, mein Puls raste ebenso schnell wie die Gedanken in meinem Kopf. Mein wunderbares, geliebtes Kind! Großer Gott, bitte lass ihn nicht schwer krank sein!

Ich lief nur noch auf Autopilot und kam ziemlich aufgelöst bei der Retterin meines Vierbeiners an. Das liebe Tier stürzte sich sofort in die Arme seines Rabenfrauchen, und ich war einfach nur dankbar, dass ich ihn wohlbehalten wieder bei mir hatte.

Umgehend brachte ich den Hund heim und fuhr weiter zum Krankenhaus.

Dort angekommen löste ich meinen Mann ab, dem nach zwei vorangegangen Nachtdiensten die Müdigkeit und Erschöpfung deutlich anzusehen war.

Nun galt es, auf das Ergebnis der Blutuntersuchungen zu warten. Minuten wurden zu Stunden, mühsam versuchte ich, Optimismus und Zuversicht auszustrahlen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam die erlösende Nachricht: Aufgrund des Blutbildes ließen sich die ganz schlimmen Verdachtsdiagnosen weitestgehend ausschließen. So ganz sei die Kuh noch nicht vom Eis, aber die Prognose sei gut.

 

Ich hätte die ganze Welt umarmen können, doch der Schreck saß dennoch tief. Wie plötzlich alles ganz anders sein kann! Nachmittags hatte ich mich noch darüber geärgert, dass niemand den Tisch abgedeckt hatte und die Küche aussah, wie nach einem mittleren Erdbeben. Jetzt war ich einfach nur dankbar, dass das Leben meines Kind nicht von einer bösartigen Krankheit bedroht war.

 

Von diesem Tag an war ich nicht mehr nur „die mit den sechs Kindern“, sondern auch „die, die ihren Hund auf dem Spielplatz vergaß“.

Doch das Gerede ist völlig egal.

Wichtig ist nur, dass unser buntes, trubeliges und vergleichsweise unbeschwertes Leben so weitergehen darf, wie wir es lieben: mit sechs wundervollen, gesunden Kindern, sieben munteren Meerschweinchen und – ja! mit einem kleinen schwarzen Hund ;).

 

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 18
  • #1

    Astrid (Dienstag, 10 Mai 2016 12:13)

    Wie unglaublich erfrischend und echt erzählt, total aus dem Leben. Vielen lieben Dank dafür!

  • #2

    die laura ;) (Dienstag, 10 Mai 2016 12:47)

    Hei hei...

    unbekannterweise möchte ich dich bitten dir nicht sooo viele große Vorwürfe zu machen und dich von außen und den Bewertungen von Menschen, die deine Situation nicht kennen (können) selbst runterziehen zu lassen.

    Ich habe deinen Post auf FB entdeckt - und möchte dir sagen: danke, dass es dich gibt. Dass dir deine Familie und deine Kinder so sehr am Herzen liegen, dass deine Gedanken bei einer Bedrohung und ernsten Situation so durchgehen ist doch ein Zeichen, wie sehr du deine Familie liebst. Und deine Kinder.

    Ich wünsche dir Achtsamkeit - damit du in solchen Situationen - gerade als Krankenschwester - klarer und einfacher handeln kannst.
    Und ich freue mich, dass dein kleiner Hund wieder zur Familie zurückgefunden hat - v. a. so unbeschadet.

    Grüße und mein Tipp wäre: lass den Post stehen.
    Das ist das Leben.

    Grüße

    die Laura

  • #3

    Silvia (Dienstag, 10 Mai 2016 22:34)

    Hallo, ich kam auch über deinen Post in Facebook auf deine Seite und ich finde deine Geschichte wirklich ergreifend und es ist toll, dass du diesen Beitrag veröffentlicht hast und so offen damit umgehst. So etwas kann jedem einmal passieren, besonders in solch einer Situation. Und zum Glück ist alles Gute gegangen :)
    Ich hoffe deinem Sohn wird es bald wieder gut gehen, ich schicke ihm viel Kraft.
    Liebe Grüße Silvia

  • #4

    Heike (Dienstag, 10 Mai 2016 22:47)

    Eine wundervoll geschriebene Geschichte - wie sie das Leben schreibt. Ich habe mitgefiebert und bin gleichfalls erleichtert, dass der Junge gesund ist. Liebe Grüße und vielen Dank
    Heike

  • #5

    Katja Schönefeld (Mittwoch, 11 Mai 2016 08:10)

    Huhu :)

    Woah, was für ein Schock - ich kann mir deinen Schreck wegen beidem sehr gut vorstellen. Mein kleiner Sohn kam nachts zu mir mal ins Bett und kuschelte sich zu mir - sagte aber nichts. Ich merkte dann, wie irgendwas nass wurde und dachte eigentlich, dass er sich vielleicht eingemacht hat - aber als ich das Licht anmachte, sah ich, dass das Blut war. Er hatte sich scheinbar im Halbschlaf im Näschen "gekratzt" und dabei eine Ader erwischt. Ohne Mist, ich habe noch nie sowas gesehen und hätte mir nicht vorstellen können, wie viel Blut in kurzer Zeit aus einem Kind kommen kann. Zumal ich ja nicht wusste, dass es nur diese Ader war - das sagte man uns erst später im Krankenhaus, als sie verödet wurde.

    Worauf ich aber eigentlich hinaus möchte: Wir sind so wie wir waren, im Schlafi mit zerzaustem Haar etc., sofort ins Krankenhaus gerast. Ich hab in dem Moment nicht mal im Traum daran gedacht, mich umzuziehen oder noch einen Blick in den Spiegel zu werfen. Daher kann ich mir so gut vorstellen, wie es dir in dem Moment gut und es dazu kam, dass dein Hund dort sitzen blieb. Weil du in den letzten Sätzen andeutest, dass die Leute über dich reden: Lass sie reden - so was kann nur jemand nachvollziehen, der wirklich schon mal einen ähnlich großen Schreck hatte.

    Nun hoffe ich, dass es deinem Sohn bald wieder besser geht und es nichts Dauerhaftes ist. Fühl dich umarmt aus der Ferne! :)

    Liebe Grüße,
    Katja

  • #6

    Everett Wiles (Samstag, 04 Februar 2017 17:14)


    Hmm it looks like your blog ate my first comment (it was super long) so I guess I'll just sum it up what I submitted and say, I'm thoroughly enjoying your blog. I too am an aspiring blog blogger but I'm still new to the whole thing. Do you have any tips for rookie blog writers? I'd definitely appreciate it.

  • #7

    Ladawn Diep (Sonntag, 05 Februar 2017 11:22)


    Howdy! Would you mind if I share your blog with my zynga group? There's a lot of folks that I think would really appreciate your content. Please let me know. Cheers

  • #8

    Ted Belfield (Sonntag, 05 Februar 2017 23:43)


    Pretty nice post. I just stumbled upon your weblog and wished to say that I've really enjoyed browsing your blog posts. After all I will be subscribing to your rss feed and I hope you write again very soon!

  • #9

    Alline Talkington (Montag, 06 Februar 2017 05:28)


    A fascinating discussion is definitely worth comment. I think that you need to publish more about this subject matter, it may not be a taboo matter but typically people don't discuss such subjects. To the next! Many thanks!!

  • #10

    Lilly Sterling (Montag, 06 Februar 2017 21:09)


    I have read so many articles or reviews concerning the blogger lovers but this piece of writing is in fact a good post, keep it up.

  • #11

    Jose Lorence (Dienstag, 07 Februar 2017 07:56)


    I'm very pleased to discover this site. I need to to thank you for your time for this wonderful read!! I definitely liked every little bit of it and I have you book-marked to see new things in your website.

  • #12

    Austin Mickley (Dienstag, 07 Februar 2017 09:52)


    Hey I am so glad I found your blog page, I really found you by mistake, while I was researching on Aol for something else, Regardless I am here now and would just like to say cheers for a incredible post and a all round enjoyable blog (I also love the theme/design), I don't have time to look over it all at the moment but I have book-marked it and also included your RSS feeds, so when I have time I will be back to read a great deal more, Please do keep up the great job.

  • #13

    Hannah Caves (Dienstag, 07 Februar 2017 12:14)


    Touche. Great arguments. Keep up the great effort.

  • #14

    Charolette Merino (Dienstag, 07 Februar 2017 12:24)


    I have been surfing online more than three hours as of late, but I by no means found any fascinating article like yours. It is lovely value sufficient for me. Personally, if all site owners and bloggers made good content material as you did, the internet will be a lot more helpful than ever before.

  • #15

    Teofila Henegar (Mittwoch, 08 Februar 2017 00:23)


    Please let me know if you're looking for a author for your blog. You have some really good posts and I believe I would be a good asset. If you ever want to take some of the load off, I'd love to write some material for your blog in exchange for a link back to mine. Please blast me an e-mail if interested. Cheers!

  • #16

    Monet Beene (Mittwoch, 08 Februar 2017 01:15)


    It's an remarkable piece of writing for all the online people; they will get benefit from it I am sure.

  • #17

    Rico Dry (Mittwoch, 08 Februar 2017)


    Hello! This is my first visit to your blog! We are a collection of volunteers and starting a new project in a community in the same niche. Your blog provided us beneficial information to work on. You have done a marvellous job!

  • #18

    Kimberly Hirano (Mittwoch, 08 Februar 2017 05:43)


    Somebody necessarily assist to make significantly posts I'd state. That is the first time I frequented your web page and up to now? I surprised with the research you made to make this actual submit amazing. Great job!