Das Kind meiner Schwester: geliebtes Wunsch(Pflege-)Kind

 

Als ich vor vier Jahren von der Schwangerschaft meiner Schwester erfuhr, waren meine Gefühle sehr ambivalent. Auf der einen Seite freute ich mich sehr, endlich einmal Tante werden zu dürfen, auf der anderen Seite war meine Schwester bereits seit längerem gesundheitlich sehr stark beeinträchtigt. Eigentlich war allen Beteiligten von Anfang an klar, dass weder mein Schwager noch meine Schwester in der Lage sein würden, dieses neue, kleine Menschlein versorgen zu können.

 

 

Je näher der Geburtstermin rückte, desto drängender wurde die Frage, wie und wo das Baby nach der Entbindung untergebracht werden sollte. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits fünf Kinder, die damals zwischen 15 Monaten und 10 Jahre alt waren. Dennoch sagte mir mein Herz sehr deutlich, dass dieses Kind zu uns gehörte!

 

Vorsichtig fragte ich bei meiner Schwester an, ob sie sich vorstellen könne, dass ihr Baby bei uns aufwachsen würde? Glücklicherweise war sie sofort einverstanden, denn der Gedanke, das Kleine in eine völlig fremde Familie zu geben, machte ihr große Angst.

 

Nun galt es allerdings zunächst die größte Hürde zu nehmen: das Jugendamt.

 

Ich werde nie vergessen, wie das erste Telefonat mit der zuständigen Sachbearbeiterin verlief! Frau M. war alles andere als begeistert, als sie hörte, dass ich als Fünfachmutter nach der Pflegschaft für das Kind meiner Schwester fragte. Sie reagierte zunächst sehr abweisend und unterkühlt, und mir war sofort klar, in welche Schublade mich meine Gesprächspartnerin gerade sorgfältig einsortierte. Im Verlauf der Unterhaltung gelang es mir, den Eigenheim-mit-Garten-Joker zu ziehen, flocht geschickt die seriösen Berufe von uns Eltern ein und ließ auch den Besuch des katholischen Mädchengymnasiums nicht unerwähnt. Am Ende des Telefonats war Frau M. hörbar aufgetaut und äußerte ganz offen, dass sie überrascht sei, wie „vernünftig“ sich doch alles anhörte, was ich vorzutragen hatte.

 

Doch der Weg zu unserem Wunschpflegekind war steinig. Es gab noch viele offene Fragen zu klären und noch einige Bedenkenträger zu überzeugen.

 

Meine zauberhafte Nichte kam sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin per Kaiserschnitt zur Welt. Aufgrund der Erkrankung meiner Schwester hatte sie mit erheblichen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und wurde sofort auf die Intensivstation verlegt, wo ich sie kurze Zeit später zum ersten Mal sehen durfte.

 

Da lag sie: nackt und winzig, nur von einer klitzekleinen Windel umhüllt in einem Wärmebettchen liegend, mit einer Sauerstoffsonde im Näschen und einer kleinen Strickmütze auf dem winzigen Kopf. Mit einem Finger streichelte ich vorsichtig ihre weiche, warme Wange. „Willkommen im Leben, kleines Mädchen...“

 

Die Stimmung war bedrückend. Hier war ein neuer, kleiner Mensch geboren, doch anders als bei allen meinen Kindern lief hier niemand freudestrahlend auf uns zu, niemand schien glücklich zu sein über die Ankunft dieses Kindes. Überall traf ich nur auf besorgte Gesichter und betretenes Schweigen. Zu Recht, denn dieses tapfere kleine Mädchen musste ihr Leben mit einem harten Kampf beginnen, und ihre Entwicklung, ihre Zukunft war ungewiss.

 

Von nun an war ich täglich in der Klinik, um mit meiner kleinen Nichte zu „känguruhen“ . Ich brachte ihr kleine Kuscheltiere mit und hängte ein Schutzengelchen über ihr Bett, damit das kalte Krankenzimmer ein wenig heimeliger wirkte. Und jeder sollte sehen: hier liegt ein Baby, das von seiner Familie geliebt und umsorgt wird!

 

Ab und zu kamen auch meine Schwester und mein Schwager vorbei, bekuschelten die Kleine und sangen ihr Lieder vor.

 

Die Ärzte waren weiterhin besorgt.

 

 Währenddessen begann auch die heiße Phase in der Verhandlung mit dem Jugendamt. Mein Mann und ich wurden zu einem Gesprächstermin geladen, in dessen Verlauf wir die Vertreter verschiedener Stellen, die ich mittlerweile wieder vergessen habe, von unseren Qualitäten als potentielle Pflegeeltern überzeugen mussten. Es gab viele Bedenken, doch in dieser Situation waren mein Mann und ich ein sehr starkes Team. Unser überzeugendes Auftreten verfehlte seine Wirkung nicht: wenige Tage später erhielten wir die unglaubliche Nachricht, dass uns das Jugendamt als Pflegeeltern für meine Nichte akzeptierte!

 

An diesem Tag eröffneten uns die Ärzte, dass meine kleine Nichte eine sehr schwere Zeit vor sich habe und dass zu erwarten sei, dass viele Therapien notwendig werden würden. Es wurde von „Bestandsschutz“ gesprochen, womit unsere fünf zum Teil noch sehr kleinen Kinder gemeint waren. Können wir das alles leisten? Können wir dem allem wirklich gerecht werden? Unseren Kindern? Meiner kleinen Nichte, die so viel Pflege und Förderung benötigen wird?

 

Mein Herz sagte: wir nehmen sie zu uns, egal was ist! Doch von allen Seiten wurde uns so dringend geraten, von diesem Vorhaben Abstand zu nehmen, dass mein Mann schließlich auch davon überzeugt war, dass es besser so sei. Ich konnte ihn verstehen, auch wenn ich es anders sah. An diesem Punkt musste ich einsehen, dass ich den Kampf verloren hatte.

 

 

 

Meine kleine Nichte kam nach ihrer Entlassung aus der Klinik in eine Pflegefamilie. Ab und zu bekommen wir von ihnen Briefe und Fotos über das Jugendamt. In ihrem ersten Lebensjahr hatte die Kleine dramatische gesundheitliche Probleme und musste häufig stationär behandelt werden. Dies wurde aber mit der Zeit weniger. Auf den Fotos sieht man ein wunderschönes, fröhliches kleines Mädchen im Kreise seiner Eltern und seinem älteren Bruder. Sie hat die Augen meiner Schwester, mit denen sie lachend in die Kamera strahlt.

 

Geliebtes kleines Mädchen, hab ein schönes Leben!

 

Vielleicht werden wir uns irgendwann wiedersehen. Vielleicht werde ich Dir irgendwann von Deiner Mama erzählen können.

 

Und bis dahin bist Du in unseren Herzen und sowieso für immer eine von uns!

 

 

 

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Ina (Samstag, 04 Juni 2016 07:52)

    Puh...
    So wunderschön geschrieben.
    So schön und doch so traurig...
    Ich muss zugeben dass ich weinte als ich diesen Bericht gelesen habe. Auch wenn ich die Geschichte schon kannte.
    Es ist so schön dass dieses kleine Mädchen eine gute Familie gefunden hat und trotzdem ist es auch so furchtbar schmerzlich.
    Ich bin mir sicher dass es die richtige, auch wenn furchtbar schwere, Entscheidung von euch war.
    Bestimmt passt deine Schwester vom Himmel aus auf die kleine auf....
    Fühl dich gedrückt.
    Deine Geschichten, direkt aus dem Leben gegriffen, sind wundervoll und herzerwärmend...