Mein autonomes Kind oder: Beziehung auf Augenhöhe

 

Ihr Sohn ist ein autonomes Kind. Diese Kinder sind ganz toll, aber die Erziehung wird sehr schwer werden.“

 

Mit diesen Worten entließ uns vor vielen vielen Jahren der Kinderpsychologe aus dem Sozialpädiatrischen Zentrum, nachdem wir dort mit unserem Zweitgeborenen M2 durch die Mühle der Entwicklungsanalysen gedreht worden waren.

 

Und er sollte Recht behalten.

 

 

 

M2 ist ein autonomes Kind im besten Juul'schen Sinn: „extrem unabhängig, kompromisslos, selbstbestimmt, nahezu allergisch gegen Erziehungsversuche, nicht manipulierbar und sehr auf seine Würde und Integrität bedacht.“

 

M2 ging schon immer seinen eigenen Weg, zur Not auch mit dem Kopf durch die Wand. Wir Eltern waren bemüht, ihm Grenzen zu setzen, da wir davon ausgingen, dass sie ihm Sicherheit geben würden. Doch M2 kämpfte gegen jede dieser Grenzen an, hinterfragte und diskutierte sie aus, jeden, wirklich jeden Tag aufs neue. War an dem einen Abend geklärt, dass es nach dem Sandmann ins Bett ging, wurde dies am nächsten Tag sofort wieder in Frage gestellt. Schließlich kam danach „Yakari“, und mein damals vierjähriger Sohn trug, wie schon den Abend zuvor, ein leidenschaftliches Plädoyer vor, warum das Leben ohne „Yakari" einfach nicht lebenswert sei.

 

 

 

Nicht selten baten mich die Erzieherinnen zu einem Gesprächen und berichteten von neuen Missetaten, die mein kleiner Michel aus Lönneberga wieder ausgeheckt hatte. Manchmal würde er einfach über den Zaun klettern und nach Hause gehen wollen. Im internen Entwicklungsbericht (der mir nur durch Zufall in die Hände fiel) war später zu lesen, dass wir Eltern offensichtlich nicht konsequent genug mit unserem widerspenstigen Sprössling umgingen und zudem nicht bereit waren, uns mit ganzer pädagogischer Härte gegen ihn durchzusetzen.

 

 

 

Die täglichen Kämpfe, die Diskussionen machten mit der Zeit müde, und immer öfter fehlte mir die Kraft und die Geduld, auf diese starke kleine Persönlichkeit einzugehen, die da vor mir im Bob-der-Baumeister-Schlafanzug tobte und heulte und einfach nicht auf mich hören wollte.

 

 

 

Doch irgendwann wuchs M2 aus dem Bob-Schlafanzug heraus.

 

Heute ist er ein selbstbewusster, großgewachsener und blitzgescheiter Zwölfjähriger, der immernoch alle Merkmale eines autonomen Kindes aufweist,  doch haben wir inzwischen eine gute Basis gefunden, miteinander umzugehen. Wir begegnen uns mittlerweile (nicht nur aufgrund der Körpergröße, sondern auch und vor allem im übertragenen Sinne) auf Augenhöhe.

 

Und heute weiß ich, dass genau das schon viel früher der Schlüssel für ein friedlicheres Zusammenleben hätte sein können.

 

 

 

Als unsere zweite Tochter M5 geboren wurde, merkten wir schon recht bald, dass diese das weibliche Pendant zu unserem M2 ist. Wir hatten es wieder mit einem autonomen Kind zu tun! Dieses liebliche, zarte, elfengleiche Mädchen hat einen so starken Willen, dass sie sich niemals irgendeiner Autorität unterwerfen würde. „Lieber stehend sterben, als kniend leben“ scheint das Credo zu sein, mit dem sie durchs Leben tanzt.

 

 

 

Ich bin sehr dankbar, dass ich während den schwierigen Zeiten mit unserem Großen so viel über bedürfnisorientierte Erziehung im Allgemeinen und das Elternsein eines  autonomen Kindes im Besonderen lernen durfte. Dies ermöglicht mir nun, so unendlich viel gelassener und entspannter mit meinem eigenwilligen Töchterchen und dieser besonderen Situation umzugehen.

 

Ich versuche nicht, sie zurechtzubiegen.

 

Ich lasse sie.

 

Wenn sie mit dem Kopf durch die Wand will, lege ich ihr (wie es die Sportfreunde Stiller so schön in ihrem Song „applaus applaus“ besingen) Helm und Hammer in die Hand.

 

Sie braucht viel Raum, um sich den Herausforderungen des Lebens auf ihre ganz eigene Weise zu nähern. Drängt man sie oder setzt sie unter Druck, macht sie komplett dicht. Ich habe gelernt, ihr diesen Raum zu geben, mich auf keine Machtkämpfe einzulassen und prüfe jede Regel ganz genau auf ihre Sinnhaftigkeit, bevor ich sie ausspreche. Mit Härte erreicht man bei ihr gar nichts, aber ganz viel mit Liebe, Empathie und Wertschätzung.

 

 

 

Dennoch gibt es immer wieder auch Situationen, die mich an den Rand meiner persönlichen Belastungsgrenze führen.

 

Vor kurzem waren wir mit der ganzen Familie während eines Wochenendtrips in einem „Spaßbad“.

 

Das bedeutete: zwei Erwachsene, drei junge Wilde, die sich auf die „krassesten Rutschen aller Zeiten“ freuten, eine aufgeregte siebenjährige Schwimmanfängerin, eine hibbelige fünfjährige Nichtschwimmerin und einen knapp Dreijährigen, der wie ein gespannter Flitzebogen darauf wartete, sich in die Fluten stürzen zu dürfen, in einem feiertagsbedingt völlig überfüllten Schwimmbad mit erschreckend unübersichtlichem, wahnsinnig umfangreichem Rutschensystem.

 

Im Vorfeld besprachen wir mit allen Kindern Regeln, die es unbedingt zu beachten galt, um diesen Besuch sicher und stressfrei zu gestalten.

 

 

 

Schon in den ersten Minuten hatte ich Schwierigkeiten, meinen fröhlich davonhüpfenden Mädels zu folgen, während ich mich an den nassen Körpern der vielen Menschen vorbeiquetschte, die dicht gedrängt im Rutschenbereich herumstanden. Ich hatte damit gerechnet, dass es voll werden würde, doch dass der Andrang diese Ausmaße annehmen würde, überraschte mich nun doch.

 

Der männliche Teil der Familie war schon lange aus meinem Sichtfeld verschwunden, als ich die Tauchkünste der Siebenjährigen zu würdigen versuchte, während ich gleichzeitig angestrengt die Fünfjährige im Auge behielt. Ich sah noch, wie sie in den Eisenbahnwagon im Kinderbereich kletterte und wies die Große an, sich nur im Nichtschwimmerbereich aufzuhalten, während ich schnell mal hinter ihrer Schwester herlaufen müsse.

 

 

Als ich den Wagon erreichte, war von M5 nichts mehr zu sehen. Zunächst kontrollierte ich noch relativ ruhig alle Nischen und Ausgänge, die dieses Eisenbahn-Ding zu bieten hatte, doch sehr schnell wurde klar, dass mein kleines Mädchen nicht mehr dort war. Sie musste blitzschnell an der Rückseite herausgeklettert und weggelaufen sein. Angespannt schaute ich mich um und sondierte die nähere Umgebung. Überall herumtobende Kinder mit ihren Eltern, doch nirgendwo war ein sehr schmales Mädchen mit langen blonden Haaren in einem orangefarbenen Badeanzug zu sehen.

Stimmengewirr, die Luft flirrte vor Hitze, ich suchte die Siebenjährige und rief ihr ins Ohr, dass sie sich unbedingt nur im Kinderbereich aufhalten dürfe. Es herrschte eine Lautstärke wie in einer durchschnittlichen Großraumdisco. Ich merkte, wie mir der Schweiß ausbrach, als ich in den Rutschenbereich trat.

Mein fünfjähriges, nichtschwimmendes Kind lief hier völlig allein und unbeaufsichtigt herum und könnte sich auch ohne Weiteres Zutritt zu Rutschen verschaffen, die eine Altersbeschränkung „ab 12“ hatten.

Zwar trug sie Schwimmflügel, doch die würden sie nicht vor dem Ertrinken schützen, wenn es hart auf hart käme.

 

Nachdem zehn Minuten vergangen waren, und ich keine einzige Spur von unserer Kleinen gefunden hatte, schnürte mir die Angst um mein Kind langsam die Kehle zu. Eilig lief ich durchs ganze Schwimmbad, doch niemand hatte das kleine blonde Mädchen gesehen. Auch sein Papa war unauffindbar, der mit dem Dreijährigen unterwegs war und einfach nicht wieder auftauchte.

 

Als ich nach insgesamt zwanzig Minuten erfolglosen Suchens wiedermal in den Rutschenbereich zurückkehrte, konnte ich die Tränen der Verzweiflung kaum noch zurückhalten und hätte am liebsten in die Menge geschrien, dass alle endlich aus dem Weg gehen sollen, damit ich mir irgendwie einen vernünftigen Überblick verschaffen könnte!

 

In diesem Moment nahm ich aus dem tränenverschleierten Augenwinkel die Silhouette eines kleinen Mädchens wahr, das mit wehenden blonden Haaren und einem orangefarbenen Badeanzug aus der Mündung einer Rutsche geflogen kam.

 

Ich drehte mich um, und dann sah ich sie: mein mutiges, fröhlich lachendes Töchterchen, das freudestrahlend auf mich zu lief und voller Stolz rief:“ Mama, hast du das gesehen?! Ich kann schon ganz allein rutschen! Ich bin schon richtig groß, was?!“

 

Ich nahm sie in die Arme und hob sie hoch, sie klammerte sich an mich und schlang ihre kleinen, dünnen Beinchen ganz fest um meine Taille. So trug ich sie Richtung Nichtschwimmerbecken, wo sich plötzlich wie aus dem Nichts die ganze Restfamilie zusammengefunden hatte, und gab mit Handzeichen zu verstehen, dass ich (sofort!) gehen möchte.

Und ich dachte:

 

"Meine mutige, starke kleine Tochter, ich gebe Dir jeden Raum, den Du brauchst, damit Du der glückliche, selbstbewusste und autarke Mensch bleiben kannst, der Du bist .

 

Aber für heute,  heute lasse ich Dich nicht mehr los!" ;)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Ina (Mittwoch, 08 Juni 2016 06:26)

    Unglaublich!
    Woher nimmst du immer wieder die wunderschönen Worte?
    Woher nimmst du die Kraft, die Nerven, die Ruhe? Den klaren Blick und die Sensibilität für Individualität?
    Ich beneide dich so sehr für deine wundervolle Art diese kleinen Menschen ins selbstbestimmte Leben zu führen.